01.10.2007 09:29
„Eine nette Schlagzeile, mehr nicht“
Aufgeregtheit in Deutschland. Das bekannte Boulevardblatt
hat einmal die Wahrheit geschrieben. Wie konnte das geschehen? Betriebsunfall?
Das konnte die „Süddeutsche“ nicht auf sich beruhen lassen. Das musste
relativiert werden. So textete man: „Eine nette Schlagzeile, mehr nicht.“
Die berühmte Blatt, aus dem angeblich Blut herausläuft, wenn
man es schräg hält, hatte eine Studie veröffentlicht, die konkret belegt, was
die meisten auch ohnehin schon wussten: Die durchschnittlichen Real-Löhne (also
was übrig bleibt nach Steuern, Abgaben und Preissteigerungen) in Deutschland
sinken schnell. Inzwischen sind sie, so fand man heraus, auf dem Stand von
1986, vor 20 Jahren, angelangt. Und jeder weiß: Wenn es so weiter geht, werden
sie bald in den Siebzigern und dann in den Sechzigern angelangt sein.
Dann wird man in einem Deutschland vergleichbar zu jenem
leben, in dem man Käfer fuhr oder Goggomobil und in dem Farbfernseher für viele
unerschwinglich waren.
Wie konnte aber auch das sonst so zuverlässige Blatt einen
solchen Ausrutscher produzieren? Eigentlich war man mehr gewöhnt an reaktionäre
Verdrehungen und Hetze. Die Arbeitenden gegen die Arbeitslosen, die Jungen
gegen die Alten, die Deutschen gegen die Ausländer.
Auch erhält man immer seine tägliche Dosis von deutschen
Lebenslügen:
- Die von den angeblich hohen deutschen Löhnen, welche die
Arbeitsplätze ins Ausland vertreiben.
- Die von unbezahlbar hohen „Lohnnebenkosten“ in Deutschland
.
- Die von der völligen „Vergreisung“ der Gesellschaft, die
es unmöglich machen würde, weiterhin vernünftige Renten zu bezahlen .
- Die vom Sparzwang: Es sei einfach nicht mehr so viel zu
Verteilen da.
Die von der Demokratie: Die allseits geliebten Politiker
seien keine Bande von Profiteuren und Abzockern, sondern würden verantwortlich
mit unseren Steuergeldern umgehen.
Der „Betriebsunfall“ beim Revolverblatt. führte zu
hektischen Aktivitäten. Eine davon war ein Artikel in der „Süddeutschen“ gleich
am nächsten Tag, um den Eindruck zu vermindern, den die „Enthüllung“ gemacht
hatte. Die Studie, so lernen wir aus der Süddeutschen, sei kein „erhellender
Beitrag“ zur Abgabendebatte noch zu der über einen Mindestlohn.
Nanu, warum denn nicht? Da kommt man natürlich in
Argumentationsnot, denn die Wahrheit hat ja jene unangenehme Eigenschaft: Sie
ist wahr.
Also greift man in das Nähkästchen des Demagogen: Man
behauptet einfach etwas, was gar nicht gesagt wurde und widerlegt es dann.
„Richtig ist…, dass der Zeitungsartikel und die ihm zugrunde
liegende Statistik in die Irre führen. So wird suggeriert, dass die Menschen
heute ärmer wären als 1986. Tatsächlich aber ist die Kaufkraft gleich
geblieben.“ schreibt da Herr Hulverscheidt von der Süddeutschen.
Nein, liebe Süddeutsche, nichts dergleichen wurde
suggeriert. Es steht da klar und deutlich: Das Realeinkommen ist auf den STAND
von 1986 zurückgefallen. Heute ist der durchschnittlich in Arbeit Stehende
wieder so arm, wie er 1986 war. Nichts von „ärmer“.
In Wirklichkeit ist diese Statistik sogar im umgekehrten
Sinne irreführend, denn in der Statistik ist ja nur von denen die Rede, die
Arbeit haben. Damals gab es bei weitem nicht so viele Arbeitslose wie heute
(geschätzte 7 Millionen, damals um die 2 bis 3 Millionen) und wer arbeitslos
war, bekam damals noch die am letzten Lohn orientierten Leistungen Arbeitslosengeld
und Arbeitslosenhilfe und nicht Hartz IV.
Auch versucht Hulverscheidt den Eindruck, es werde
schlechter, zu verwischen, indem er sagt „ ...die Löhne seit Jahren langsamer
steigen ...“, sich also auf Nominallöhne beziehend statt Reallöhne, so als ob
es noch irgendwelche Steigerungen gäbe und nicht längst alles nur noch
zurückgeschraubt wird.
Im Bemühen, die Statistik zu relativieren, entgleitet ihm
allerdings auch eine weitere Wahrheit: „Viele Menschen verfügen heute über
weniger Kaufkraft als 1986, ... andere dagegen über deutlich mehr.“
Tatsächlich, die Herren in den Vorstandsetagen sacken heute glatt das 50- bis
100fache ein als in den 60ern und immer noch ein Vielfaches im Vergleich mit
1986.
Wie aus gut unterrichteter Quelle verlautet, werden die
deutschen Massenmedien bereits nächste Woche wieder eine Wahrheit
veröffentlichen.
Wer sie findet, darf sie behalten.
