10.05.2008 11:49
CDU/CSU-Sicherheitsstrategie = Angriffskrieg
Am 6. Mai 2008 hat die CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine
16-seitige “Sicherheitsstrategie für Deutschland” verabschiedet. Das Dokument
wurde unter der Federführung von Volker Kauder von Unionsfraktionsvize Andreas
Schockenhoff (sein Wahlkreis ist Ravensburg-Bodensee) erarbeitet und sowohl mit
Kanzlerin Angela Merkel als auch Militärminister Franz-Josef Jung sowie
Innenminister Wolfgang Schäuble abgestimmt.

Mit dieser CDU/CSU-Sicherheitsstrategie wird eine umfassende
Militarisierung der Außen- und Innenpolitik angestrebt, deshalb ist die breite
Rückendeckung innerhalb der CDU/CSU umso besorgniserregender. Geplant ist u.a.
die Bildung eines “Nationalen Sicherheitsrats” analog zu den USA, mit dem eine
Zentralisierung der Entscheidungsbefugnisse im Kanzleramt bezweckt wird; ferner
soll die Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit noch weiter
aufgeweicht und die Möglichkeiten für Bundeswehreinsätze im Inland ausgeweitet
werden. Der konservative Horrorkatalog visiert sogar offen Militäreinsätze zur
Rohstoffsicherung an. Militäreinsätze sollen nicht zwingend nur mit Mandat des
UN-Sicherheitsrates stattfinden. Auch ist eine Aushöhlung des
Parlamentsvorbehaltes geplant, d.h. die Abstimmung über Auslandseinsätze der
Bundeswehr soll trotz klarem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auch mal
ohne Zustimmung des Bundestages erfolgen können.
Rohstoffkriege...
Die “Sicherheitsstrategie für Deutschland” macht eine
zunehmende deutsche Abhängigkeit von Energieimporten aus: “Konflikte in
Lieferländern können unsere Versorgung mit Energie und Rohstoffen gefährden und
unserer Wirtschaft Schaden zufügen. Es besteht aber auch die Gefahr, dass
unsere Abhängigkeit gegen uns instrumentalisiert wird und wir politisch unter
Druck gesetzt werden.” (S. 6) Damit dem freien Fluss der Rohstoffe nichts im
Wege steht, scheint die CDU/CSU-Fraktion offensichtlich bereit zu sein, die
Bundeswehr damit zu beauftragen, sämtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen:
“Die Herstellung von Energiesicherheit und Rohstoffversorgung kann auch den
Einsatz militärischer Mittel notwendig machen, zum Beispiel zur Sicherung von
anfälligen Seehandelswegen oder von Infrastruktur wie Häfen, Pipelines,
Förderanlagen etc. Bereits heute wird die Bundeswehr im Rahmen der NATO
eingesetzt - beispielsweise mit der Beteiligung an OEF am Horn von Afrika oder
an Active Endeavour im Mittelmeer.” (S. 7) Damit wird zugleich unverblümt
eingeräumt, dass der angebliche Anti-Terror-Einsatz im Mittelmeer primär
deutschen Rohstoffinteressen dient.
...Unter Ausschluß des Parlaments
Damit solche Rohstoffkriege künftig reibungslos über die
Bühne gehen können, schlägt die “Sicherheitsstrategie für Deutschland” vor, die
deutsche Parlamentsbeteiligung auszuhebeln. Denn bislang muss der Bundestag -
noch - jedem einzelnen deutschen Militäreinsatz zustimmen: “Die Bundeswehr muss
als Teil eines multinationalen Eingreifverbandes zur militärischen
Krisenbewältigung auch dann kurzfristig einsatzfähig sein, wenn eine Entscheidung
des Deutschen Bundestages nicht rechtzeitig herbeigeführt werden kann. Dafür
ist das Parlamentsbeteiligungsgesetz entsprechend anzupassen.” (S. 14)
Da sowohl die Schnellen Eingreiftruppen der NATO (NATO
Response Force - NRF) als auch der Europäischen Union (Battle Groups) innerhalb
von fünf bis dreißig Tagen einsatzbereit sein sollen, kollidiert dieser
Anspruch zwangsläufig mit dem deutschen Parlamentsvorbehalt. Um diesem
“Problem” vorzubeugen, hatte Deutschland bereits seit Längerem signalisiert, diesbezügliche
Schwierigkeiten aus dem Weg räumen zu wollen. In dieses Bild passt, dass der
parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christian Schmidt
(CSU)
Vorratsbeschlüsse für EU Battle Groups und NATO Response
Force fordert. Nachdem bereits das Europäische Parlament über keinerlei
Mitentscheidungsrechte hinsichtlich der Frage von EU-Militäreinsätzen verfügt,
soll mit der “Sicherheitsstrategie für Deutschland” nun auch die Hoheit des
Deutschen Bundestages ausgehebelt und somit die formale Gewaltenteilung in der
entscheidenden Frage von Krieg und Frieden de facto aufgehoben werden.
...Ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates
Besonders brisant ist die Festlegung, künftig
Militäreinsätze auch ohne ein - völkerrechtlich notwendiges - Mandat des
UN-Sicherheitsrates durchführen zu wollen: “Einsätze sind damit im Rahmen der
kollektiven Beistandsverpflichtung in NATO oder EU, auf der Grundlage eines
Mandats der Vereinten Nationen oder auch ohne ein solches Mandat in Wahrnehmung
des Selbstverteidigungsrechts entsprechend Artikel 51 oder in Verfolgung der
Ziele der Charta der Vereinten Nationen (humanitäre Intervention) möglich.” (S.
14)
Damit soll endgültig der Weg geebnet werden, um künftig auch
ohne Zustimmung der Vereinten Nationen beliebig militärisch eingreifen zu
können. Dies war schon bereits beim NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien durch
die damalige rot-grüne Bundesregierung und im Irak insbesondere durch die USA
vorexerziert worden. Während in früheren Dokumenten wenigstens noch rhetorisch
der UNO die Stange gehalten wurde, wird somit in dem Papier ganz offen “das
alleinige Legitimationsrecht der Vereinten Nationen zum Einsatz militärischer
Gewalt hingegen nicht mehr uneingeschränkt akzeptiert.”
Wie die CDU/CSU-Strategen aus den Zielen und Grundsätzen der
UN-Charta (Artikel 1 + 2) allerdings das Recht ableiten, angebliche so genannte
“humanitäre Interventionen” ohne Autorisation des UN-Sicherheitsrates
durchführen zu dürfen, ist vollkommen schleierhaft. Denn genau in diesen Zielen
und Grundsätzen (Kapitel 1, Artikel 2, Absatz 7) heißt es unmissverständlich:
“Aus dieser Charta kann eine Befugnis der Vereinten Nationen zum Eingreifen in
Angelegenheiten, die ihrem Wesen nach zur inneren Zuständigkeit eines Staates
gehören, oder eine Verpflichtung der Mitglieder, solche Angelegenheiten einer
Regelung auf Grund dieser Charta zu unterwerfen, nicht abgeleitet werden.” Militarisierung der Innenpolitik
Endgültig aufgeräumt werden soll auch die - historisch
gerade in Deutschland wohlbegründete - Trennung zwischen so genannter innerer
und äußerer Sicherheit. Zivile und militärische Mittel sollen vermischt werden,
ebenso wird nicht mehr zwischen Einsätzen im Innern und im Ausland
unterschieden. “Diese veränderte Bedrohungslage erfordert ein völlig neues
Verständnis von Sicherheitspolitik. Da diese terroristische Gewalt auch
Staatsgrenzen überschreitet und sich bewusst international organisiert und
vernetzt, lässt sich die bisherige Trennung von innerer und äußerer Sicherheit
oder in Kriegszustand und Friedenszeit nicht länger aufrechterhalten.” (S. 3)
Besonders interessant ist die Formulierung, dass Kriegszustand und
Friedenszeiten nicht mehr getrennt werden könnten. Ist dieses Land also nach
Ansicht der Autoren der CDU/CSU-“Sicherheitsstrategie” in einem permanenten
Kriegszustand? Offensichtlich.

Dieser ausgerufene permanente Kriegszustand rechtfertigt
dann nach Ansicht der Autoren wiederum außerordentliche Maßnahmen wie die
Ausweitung von Bundeswehreinsätzen im Inland. “Die Gefahr von terroristischen
Anschlägen durch außenpolitische Zurückhaltung zu mindern, ist für Deutschland
keine reale Option” (S. 3), heißt es in dem Papier. D.h. immer weiter
eskalieren, à la Irak. Das Ergebnis ist offensichtlich: Die Situation
verschlimmert sich, und immer mehr Terroristen werden gemacht. So wird
Unsicherheit geschaffen, womöglich ist dies beabsichtigt, um auch im Innern
politisch durchziehen zu können.
Das Ziel einer “Erhöhung der Wehrhaftigkeit” solle sich in
der deutschen Sicherheitsarchitektur niederschlagen: “Die Organe, Instrumente
und Fähigkeiten der inneren und äußeren Sicherheit sind besser miteinander zu
verzahnen.” (S. 11) Der in diesem Kontext u.a. unterbreitete Vorschlag zur
Bildung eines “Nationalen Sicherheitsrates” soll dabei die Kompetenzen im
Kanzleramt bündeln bzw. zentralisieren.
CDU/CSU will die Bevölkerung kriegstauglich machen
An einem lassen die Autoren der “Sicherheitsstrategie für
Deutschland” keine Zweifel aufkommen, nämlich dass Deutschland künftig immer
mehr Kriege führen will und wird: “Angesichts der steigenden Anzahl von Krisen,
die sich negativ auf unser Land auswirken können, muss sich Deutschland auf
weitere, länger andauernde Einsätze der Bundeswehr, zur Friedensstabilisierung
und zur Friedenserzwingung, vorbereiten.” (S. 13)
Da die Ablehnung hiergegen in der Bevölkerung sämtlichen
Umfragen zufolge immer weiter wächst und sich mittlerweile stabile Mehrheiten
gegen die laufenden Einsätze der Bundeswehr aussprechen, soll nun zudem eine
“Charmeoffensive” gestartet werden, um die Bevölkerung von der “Notwendigkeit”
deutscher Kriegseinsätze zu überzeugen: “Um in diesem umfassenden Sinn
handlungsfähig zu sein, muss sich in der Bevölkerung ein neues Verständnis der
Sicherheitsrisiken und der strategischen Aufgaben deutscher Sicherheitspolitik
herausbilden. Insbesondere die Politik ist gefordert, unsere Bürger durch
bessere Kommunikation und Information davon zu überzeugen, dass Deutschland
bereit sein muss, Verantwortung für die globale Sicherheit gemeinsam mit
unseren Partnern zu tragen.” (S. 13f.)
Gegenangriff starten
Es muss also mit einer breiten “Sicherheits”-Kampagne aus
den Reihen der CDU/CSU gerechnet werden. Doch diese Sicherheitskampagne wird
eher eine Kampagne sein, die Angst machen soll und macht. Mit dem
Sicherheitsbegriff der dem CDU/CSU-Konzept zugrunde liegt, ist eine Sicherheit
gemeint, die keine Sicherheit ist für die Mehrheit der Bevölkerung. Die
Mehrheit der Bevölkerung braucht andere Sicherheit, z.B. soziale Sicherheit.
Offensichtlich soll die Bevölkerung kriegstauglicher gemacht werden. Die
Antikriegs- und Friedensbewegung sollte den Fehdehandschuh, der von Seiten
CDU/CSU hingeworfen wurde, aufgreifen und diese CDU/CSU-Sicherheitsstrategie
als das betiteln, was sie ist, eine Kriegsvorbereitungs- und Kriegsstrategie.
CDU/CSU machen mit dieser Sicherheitsstrategie deutlich, dass sie
Kriegsparteien sind, das muss klar benannt werden. Doch Krieg darf nicht Mittel
von Politik sein.
Quelle:
Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
- IMI-Analyse 2008/018
